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Im Vorfrühling des Jahres 1890 ist der Meisterdetektiv Sherlock Holmes übelster Laune. Der Grund: Er langweilt sich! Es gibt derzeit einfach keinen neuen, spektakulären Fall, welcher seine deduktiven Fähigkeiten erfordert. Er scheint, wie er sich vor Dr. Watson beklagt, zum Auffinder verlorener Gegenstände oder angeblicher Familienschätze degradiert worden zu sein. Und die jüngste Depesche ist auch nicht eben angetan, seine Laune zu verbessern: Die junge Miss Violet Hunter hat sich brieflich an ihn gewandt, weil sie seinen Rat bezüglich einer neuen Stellung sucht, welche sie in Kürze antreten soll. Als die Verfasserin dieser Zeilen schließlich im Wohnzimmer der Bakerstreet 221b steht, ergibt sich aus ihren Aussagen folgendes Bild: Miss Hunter ist von Beruf Erzieherin. Bis vor kurzem war sie im Hause eines hochrangigen Offiziers Ihrer Majestät als ebensolche beschäftigt. Dieser Stellung ist sie mittlerweile allerdings durch die Versetzung ihres Arbeitgebers verlustig gegangen. Nach langer, erfolgloser Arbeitssuche hat ihr die Stellenvermittlung die Anfrage eines Mr. Jephro Ruthcastle aus Winchester in Hampshire mitgeteilt. Dieser sucht eine Erzieherin für seinen sechsjährigen Sohn Edward. Allerdings müsste Miss Hunter 2 Bedingungen erfüllen, um die Stellung zu erhalten: Sie müsste ihr langes, kastanienbraunes Haar abschneiden, sodass sie stets eine Kurzhaarfrisur tragen würde. Außerdem müsste sie, sooft man es von ihr verlangt, ein spezielles Kleid anziehen. In dieser Aufmachung soll sie sich an ein Fenster im Wohnzimmer des Ruthcastle-Anwesens setzen und winken. Dafür wird ihr ein für viktorianische Verhältnisse mehr als üppiges Jahresgehalt von 120,-- Pfund Sterling in Aussicht gestellt. Da sie bereits finanzielle Probleme ob ihrer langen Arbeitslosigkeit hat, will die junge Dame das Angebot auch annehmen. Nochzumal die Stellenvermittlung ihr bereits damit gedroht hat, sie bei einer Weigerung sofort aus der Klientenliste zu streichen. Aber die seltsamen Bedingungen sind ihr doch etwas unheimlich.

Sherlock Holmes und Dr. Watson hören aufmerksam zu. Sie sind mit der jungen Dame durchaus einer Meinung: Es ist beispielsweise seltsam, dass man einer Gouvernante 120,-- Pfund Sterling Jahresgehalt anbietet, obwohl in dieser Berufssparte zur damaligen Zeit höchstens 40,-- Pfund als Jahresgehalt üblich sind. Was die beiden Bedingungen angeht, so könnten sie daher rühren, dass Mrs. Ruthcastle entweder etwas wunderlich, oder eifersüchtig ist. Aber Miss Hunter soll die Stellung antreten. Wenn es Probleme gäbe, so soll sie sich per Telegramm sofort melden. Der Meisterdetektiv und sein Freund würden sodann umgehend kommen und nachsehen. Dankbar und erleichtert verabschiedet sich die junge Erzieherin und verlässt die Bakerstreet, um ihre neue Stellung anzutreten. Als die beiden Herren allein sind, äußert sich die ehemalige Armeearzt bewundernd über den starken Willen und das Selbstbewußtsein ihrer neuen Klientin. Holmes entgegnet, beides werde sie dringend brauchen. Denn er habe so das Gefühl, dass sie alsbald Post aus dem Blutbuchen-Anwesen, so heißt das Haus der Ruthcastles, bekommen werden. Und tatsächlich trifft bereits kurze Zeit später ein Telegramm von Miss Hunter ein. Sie bittet den Meisterdetektiv, dringend nach Winchester zu kommen. Das ist der dem Haus ihrer Herrschaft nächstgelegene Ort. Es gehe im Hause wahrlich nicht mit rechten Dingen zu! Gesagt, getan! Die beiden Herren packen ihre Sachen, nehmen dabei auch ihre Revolver mit, und fahren nach Hampshire. Dort treffen sie wenig später im "Schwarzen Schwan", dem Dorfgasthof von Winchester, mit ihrer Klientin zusammen. Und diese hat beunruhigende Nachrichten: Die Ruthcastles sind zwar im Großen und Ganzen sehr freundlich zu ihr. Aber das Haus macht einen furchteinflößenden, unheimlichen Eindruck. Außerdem ist der kleine Edward ein wahrer Satan von einem Kind! Er fängt und tötet aus reiner Mordlust jedes wehrlose kleine Tier, welches er in die Finger bekommt. Zudem ist er aufbrausend und jähzornig.

Des Weiteren hat Miss Hunter eine schreckliche Entdeckung gemacht: In einer Schublade der Kommode ihres Zimmers hat sie einen Schopf aus kastanienbraunem, lockigem Menschenhaar gefunden! Es gleicht ihrer Frisur, welche sie zum Erhalt dieser Stellung geopfert hat, so sehr, dass die junge dame darüber furchtbar erschrocken ist. Außerdem hat sie das Gefühl, dass sie, abgesehen von Herrn und Frau Toller, den einzigen Dienstboten im Hause, auch bei Abwesenheit der Ruthcastles nicht alleine im Haus ist. Man hat ihr zwar erzählt, dass Miss Alice Ruthcastle, Mr. Ruthcastles Tochter aus erster Ehe, aufgrund von unüberbrückbaren Differenzen mit ihrer Stiefmutter, in die USA ausgewandert wäre. Sie soll angeblich in Philadelphia leben. Aber die junge Dame wird das Gefühl nicht los, dass diese Geschichte eine Lüge ist. Denn sie hat bereits wiederholt jemanden aus dem Stockwerk über ihrem Zimmer, also dem Dachgeschoss, weinen hören. Dort gibt es eine Reihe ungenutzter Zimmer. Bei Spaziergängen mit dem Kind hat sie beobachtet, dass auf den Fenstern von vier dieser Zimmer Staub und Schmutz befindlich sind. Das fünfte Fenster hat jedoch geschlossene Läden. Neugierig geworden hat Miss Hunter daraufhin die obere Etage aufgesucht. Dabei hat sie Mr. Ruthcastle gesehen, wie er - einen großen Schlüsselbund in der Hand haltend, gerade von dort gekommen ist. Er hat eine Tür, welche offenbar zu den unbenutzten Räumen führt, abgeschlossen. Auf ihre höfliche Nachfrage nach den unbenutzten Zimmern hat er zwar erklärt, er wäre Fotograf aus Liebhaberei. Und als solcher hätte er in dem Raum mit den geschlossenen Läden eine Dunkelkammer eingerichtet. Aber die junge Erzieherin glaubt das nicht. Denn sie hat beobachtet, dass auch das Dienerehepaar Toller in den unbenutzten Räumen wiederholt zu tun hat. Einmal wurde von ihnen sogar ein großes Bündel schmutziger Wäsche aus diesem Teil des Hauses nach unten getragen. Des Weiteren muss die junge Dame tatsächlich wiederholt das von ihr in der Bakerstreet erwähnte Kleid anziehen. Es ist von dunkelblauer Farbe und besteht aus prachtvollem Stoff. Allerdings lassen eindeutige Spuren einen früheren Gebrauch erkennen. In dieser Aufmachung hatte sie sich bereits mehrfach ans Fenster zu setzen und zu winken. Zunächst fand sie das ganz amüsant, weil Mr. Ruthcastle allerlei Scherze vorzutragen versteht, über welche man einfach lachen muss. Aber dann war plötzlich ein junger Mann im Garten des Anwesens zu sehen.

Die junge Gouvernante hat ihn durch ein heimlich mitgenommenes Glasstück ihres zerbrochenen Handspiegels gesehen. Allerdings haben die Ruthcastles ihr sofort aufgetragen, den Mann energisch fortzuwinken. Gleichzeitig ist nächtens eine wahre Bestie von einem Wachhund, groß wie ein Kalb, kräftig, und mit scharfen Zähnen von Mutter Natur bestückt, auf dem Grundstück unterwegs. Nachdem ihre junge Klientin mit ihrem Bericht zu Ende gekommen ist, sind sich die Herren aus London nur noch sicherer, dass im Hause dunkle Machenschaften praktiziert werden. Um das beweisen zu können, ist es jedoch erforderlich, sich die unbenutzten Zimmer des Hauses anzusehen. Das ist jedoch kein Problem, wie Miss Hunter mitteilt: Die Ruthcastles sind am heutigen Abend bei Nachbarn eingeladen. Den trunksüchtigen Mr. Toller kann sie mit Alkohol versorgen, seine nicht eben mit großen Geistesgaben gesegnete Gattin im Keller einschließen. Während die junge Dame wieder ins Blutbuchen-Anwesen zurückkehrt, machen sich auch Holmes und Dr. Watson einsatzbereit. Kurz nach 7 Uhr abends - die Ruthcastles sind eben abgefahren - finden sie sich auf dem Anwesen ein. Miss Hunter hat inzwischen getan, was sie angekündigt hat, sodass sie im Hause für die nächste Zeit ungestört sein werden. Sie hat auch Mr. Tollers Schlüsselbund an sich genommen. Er beinhaltet die gleichen Schlüssel wie jener, welchen sein Dienstherr stets bei sich trägt. So begeben sich der Meisterdetektiv und sein Freund unter Führung ihrer Klientin in den unbenutzten Teil des Hauses, wo sie alsbald auf die verriegelte Tür stossen, hinter welcher das Weinen zu hören war. Rasch öffnet Holmes die Türe, worauf sie einen langen, niedrigen Gang entlanggehen müssen. Endlich kommen sie an die ihnen beschriebenen Zimmer. Vier davon sind unverschlossen, staubig und unmöbliert. Das fünfte hingegen ist abgeschlossen! Es ist jenes, dessen Fensterläden geschlossen sind. Holmes bittet ihre Klientin, für einen Moment zurückzubleiben. Er findet es besser, zunächst nur in Begleitung von Dr. Watson in dem Zimmer nachzusehen. So brechen die Herren die Türe auf und treten ein. Im Zimmer befindet sich eine spährliche Einrichtung aus Waschtisch, einem Wäschekorb, einem kleinen Tisch und einem Bett. Außerdem ist das Oberlicht offen. Aha! Die junge Gefangene wurde fortgeschafft, wie Holmes feststellt. Und richtig: Als er durch das Oberlicht auf das Dach blickt, findet er eine leichte Leiter.

Es steht zunächst zu befürchten, dass die Ruthcastles ob Miss Hunters guter Beobachtungsgabe Verdacht geschöpft und die Tochter aus erster Ehe beiseite geschafft haben. Wenige Augenblicke später scheint sich dieser Verdacht auch zu bestätigen. Denn Holmes hört Schritte auf der Treppe. Er kann gerade noch veranlassen, dass ihre Revolver bereitgehalten werden, da steht der Unmensch Jephro Ruthcastle bereits im Zimmer. Er findet es leer und fragt hasserfüllt nach seiner Tochter. Holmes gibt betont ruhig zur Antwort, diese Frage zu beantworten käme wohl eher ihm, als Mr. Ruthcastle, zu. Der aber stürzt mit der Bemerkung, er habe sie nun alle in seiner Gewalt, aus dem Zimmer und aus dem Haus. Miss Hunter erklärt sofort, dass ihr Dienstherr wohl diese Bestie von einem Wachhund herbeiholen will, um sie aus dem Weg zu räumen! Aber dazu kommt es nicht mehr! Zwar ist das Bellen und Knurren des Hundes alsbald zu hören. Aber gleichzeitig mischt sich ein kläglicher Hilferuf darunter! Der ob dessen schlagartig ernüchterte Mr. Toller stürzt mit schreckensbleichem Gesicht herbei und will sofort wissen, wer das Tier losgelassen hat! Es hat seit Tagen kaum Futter bekommen und ist absolut gefährlich! Sofort eilen Holmes und Watson hinaus, wo sie Mr. Ruthcastle tatsächlich am Boden liegend vorfinden. Der Hund hat ihm bereits schwere Verletzungen zugefügt. Seine Zähne senken sich gerade wieder in den Hals seines Herren. Dr. Watson ist als erster am Ort des Geschehens! Er jagt der Bestie umgehend eine wohlgezielte Kugel in den Kopf! Sodann wird der Hausherr ins Wohnzimmer gebracht, wo der ehemalige Armeearzt die Erstversorgung übernimmt. Wenig später kommt eine große, hagere Frau dazu, welche ihre Klientin als Mrs. Toller identifiziert. Diese erklärt, sie hätte längst freiwillig mit Miss Hunter gesprochen, hätte diese sie ins Vertrauen gezogen. Da wird der Meisterdetektiv hellhörig: Aha! Mrs. Toller weiß also näheres über die Machenschaften ihres Dienstherren? Bitte, er wäre ganz Ohr. Zunächst erklärt die dienerin, von Mr. Ruthcastle aus dem Keller befreit worden zu sein, ehe dieser nach oben stürmte. Die Dame, welche in dem entdeckten Zimmer gefangengehalten wurde, ist tatsächlich Miss Alice Ruthcastle. Sie ist Mr. Jephro Ruthcastles Tochter aus erster Ehe. Als ihr Vater sich erneut verehelichte, war ihre Stellung im Hause schlechter geworden! Sie wurde in allem gegenüber ihrer Stifmutter benachteiligt und durfte sich nicht einmischen.

Des Weiteren besitzt Miss Alice Erbansprüche aus dem Testament ihrer verstorbenen Mutter. Diese würden spätestens zum Zeitpunkt ihrer Verheiratung in Rechtskraft erwachsen. Sie hat zwar, ob ihrer guten, sanftmütigen Natur, alle Rechte ihrem Vater überlassen. Aber dieser Bestimmung könnte der sich auch nicht widersetzen. Also versuchte Mr. Ruthcastle seine Tochter einzuschüchtern: Er verlangte von ihr, einen Erbverzicht zu unterschreiben, welcher auch im Falle ihrer Verehelichung gelten sollte. Als Miss Alice dies verweigerte, wurden die Schikanen seitens ihres Vaters nur noch schlimmer: So schnitt er seiner Tochter ihr schönes, kastanienbraunes Haar ab, damit sie für keinen Mann mehr attraktiv wäre. Mr. Fowler hingegen konnte er nicht abschütteln: Dieser belagerte das Anwesen mit der Hingabe und Ausdauer, welche einem wahrhaft Liebenden innewohnt. Also hat sich der Gutsherr etwas anderes überlegt: Er hat seine Tochter im Dachgeschoss eingesperrt und überall herumerzählt, sie wäre in die USA ausgewandert. Und ihren Bräutigam wollte er wissen lassen, Alice habe kein Interesse mehr an ihm. Denn hiefür sollte diese Komödie mit dem blauen Kleid dienen, welche Miss Hunter - neben ihren Obliegenheiten als Gouvernante - noch zu spielen hatte. Es steht somit fest, dass sie vor allem aufgrund ihrer frappanten Ähnlichkeit mit Miss Alice für diese "Rolle" ausgewählt wurde. Aber auch das hielt Mr. Fowler nicht davon ab, um seine Liebste zu kämpfen! Schließlich fand er heraus, in welchem Teil des Hauses sie gefangen gehalten wurde. Da er ein freigiebiger Mann ist, war sein Plan einfach, aber effektiv: Er hat einfach den guten Mr. Toller mit reichlich Hochprozentigem versorgt, sodass dieser ihm die Leiter überlassen, und ihm den genauen Standort des Verlieses verraten hat. Der Rest war für einen sportlichen Mann einfach: Er hat Miss Alice durch das Oberlicht und über das Dach befreit, worauf die beiden zusammen geflohen sind. Wie später zu erfahren war, ließ sich das glückliche Paar noch am selben Tage in Southampton trauen, worauf es sich nach Mauritius einschiffte. Dort bekleidet Mr. Fowler einen gut dotierten Beamtenposten. Mr. und Mrs. Ruthcastle hingegen bleibt nur ein einsames Dasein in Armut, welches sie mit ihren Dienstboten teilen. Diese wissen soviel über die dunkle Vergangenheit ihres Herren, dass er sich ihre Entlassung nicht leisten kann. Miss Hunters weiterer Lebensweg interessierte Sherlock Holmes zu Dr. Watsons großer Enttäuschung leider nicht mehr.

Für ihn war der Fall damit abgeschlossen.